Der Fall schockierte 2019 ganz Kanada. Bruce McArthur (70), ein unscheinbarer wirkender Mann aus Toronto, gesteht, acht Männer aus der lokalen Schwulen-Szene missbraucht und getötet zu haben. Netflix rollt den Fall in einer True Crime-Serie neu auf – und stellt Verbindungen in die Schweiz her.

Es ist bereits die zweite Staffel der erfolgreichen True Crime-Serie «Catching a Serial Killer», die aktuell auf Netflix ausgestrahlt wird. Und gleich in zwei Episoden widmen sich die Macher dem Fall Bruce McArthur. Der heute 70-jährige Serienkiller ist mittlerweile zu einer lebenslangen Gefängnisstrafe verurteilt worden. Für die zuständigen Polizeibehörden hat die Mordserie bis heute ein Nachspiel: Es ist von Ermittlungsfehlern und schlechter Polizeiarbeit die Rede. Die Frage bleibt bis heute: Hätte die Mordserie früher gestoppt werden können? Denn am Anfang gab es mehrere Vermisstenfälle, denen die Behörden nur wenig Aufmerksamkeit schenkten.

Bruce McArthur tötete acht Männer. Dafür wurde er 2019 zu einer lebenslänglichen Gefängnisstrafe verurteilt. Bild: YouTube.

Männer verschwinden aus der Gay-Community

Am Anfang steht das spurlose Verschwinden von Skandaraj Navaratnam (40). Der Einwanderer aus Sri Lanka wurde zuletzt am 6. September 2010 in einer Schwulenbar im «The Village» gesehen. Dieses Quartier liegt in der Innenstadt Torontos und ist das pulsierende Zentrum der LGBTQ-Community. Skanda, wie ihn seine Freunde nannten, war 1994 nach Kanada eingewandert. Sein kommentarloses Verschwinden sorgt die Freunde. «Er hat keinen Grund unterzutauchen, er ist perfekt integriert. Hier muss etwas passiert sein», geben sie damals der Polizei an als sie ihn als vermisst melden.

Nur wenige Monate später, am 29. Dezember 2010, verschwindet der nächste Mann spurlos. Abdulbasir Faizi (44). Auch er wurde zuletzt im «The Village» gesehen als er ein dortiges Badehaus besucht. Faizi führt ein Doppelleben, das erst mit der Vermisstenmeldung bekannt wird. Der Einwanderer aus Afghanistan ist verheiratet und hat zwei Kinder. Während des Prozess 2019 beschuldigt seine Frau die Ermittler, sie hätten zu wenig unternommen, um ihn zu finden. «Sie waren der Meinung, dass er sich gegen seine Familie entschieden habe und gar nicht gefunden werden wollte.»

Selbst bei der dritten Vermisstenmeldung aus dem «The Village» erkennt die Polizei noch immer keinen Zusammenhang. Am 8. Oktober wird Majeed Kayhan (58) letztmals in einer Schwulenbar nur wenige Meter von seiner Wohnung entfernt, gesehen. Eine Woche später meldet ihn sein erwachsener Sohn als vermisst.

Berner Polizist löst Sonderermittlungen aus

Dass hier etwas Grösseres im Gange ist, dieser Impuls kommt schliesslich aus der Schweiz. In der True Crime-Serie spricht Detektiv Debbie Harris davon, wie sie 2012 einen Polizisten aus Bern am Telefon hat. «Er erzählte mir, er habe Informationen darüber, dass ein vermisster Mann mit dem Namen Skandaraj Navaratnam entführt, getötet und gegessen worden sei», erzählt sie. «Er gab zudem an, dass eine Person mit dem Username ‚Chefmate50‘ im Kannibalen-Forum ‚Zambian Meat‘ damit geprahlt habe.» Harris legt auf und denkt sich: «Das ist doch Schwachsinn. Doch wir gingen der Sache nach.»

Und das brachte den Stein ins Rollen. Die Polizei erkennt: Wir haben hier drei Vermisste innerhalb weniger Monate in einem Radius von wenigen Kilometern, das konnte tatsächlich zusammenhängen. Die Ermittlungsgruppe «Houston» wird gegründet, die sich fortan dem Fall widmet. «Trotz intensivster Arbeit konnten wir keinen Täter finden», so Harris. Es gelang den Ermittler zwar die Person hinter ‚Chefmate50‘ ausfindig zu machen. Doch bei seinen Mails handelte es sich lediglich um Fantasien, mit dem Verschwinden der Männer hatte dieser Mann nichts zu tun.

Die Opfer: Kirushna Kumar Kanagaratnam, Majeed Kayhan, Skandaraj Navaratnam, Abdulbasir Faizi, Selim Esen, Soroush Mahmudi, Dean Lisowick und Andrew Kinsman (v.l.)

Besonders belastend für die Ermittler: Es kommt zu weiteren Vermissten-Fällen. Am 12. August 2015 verschwindet der iranische Flüchtling Soroush Mahmudi (50), wenige Tage danach Kirushna Kumar Kanagaratnam (37) aus Sri Lanka, am 21. April 2016 der obdachlose Sex-Arbeiter Dean Lisowick (43), am 20. März 2017 der türkische Staatsbürger Selim Esen (44) und am 26. Juni 2017 Andrew Kinsman (49). Alle hatten einen Bezug zu «The Village».

Polizei war 2013 ganz nah dran

Es ist eine Überwachungskamera, die schliesslich dazu führt, dass Bruce McArthur 2018 verhaftet wird. Die Ermittler sehen darauf, wie das letzte Opfer Andrew Kinsman in einen Wagen steigt. Zwar ist das Bild unscharf und die Automarke nur schlecht zu erkennen, doch am Ende haben sie eine Liste mit potenziellen Fahrzeughaltern in der Hand. Und darauf taucht der Name Bruce McArthur auf. Damit ist die Polizei dem Landschaftsgärtner auf der Spur. Als im Zuge der Ermittlungen in einem der Gärten, die McArthur betreut, Leichenteile auftauchen, klicken die Handschellen.

Während des Prozesses stellt sich heraus, wie nah die Ermittler dem Serienkiller bereits 2013 waren. Kurz nach dem Tipp aus der Schweiz befragte die Polizei Bruce McArthur als Zeugen. Seine Mail-Adresse war bei einem der Vermissten auf dem Computer entdeckt worden. Doch weil es damals keine weiteren Hinweise gab, ging McArthur nach der Befragung einfach wieder seines Weges.