Ein unbezahlbares Vermögen verschwindet vor genau 100 Jahren in Bern. Es sind die persönlichen Juwelen des letzten Kaisers von Österreich. Unter dem Schatz befindet sich auch der viertgrösste Diamant der Welt, der «Florentiner». Wer hinter dem Coup steckt und wo sich die Edelsteine befinden – das ist bis heute ungeklärt.

Der Tatort ist das Hinterzimmer eines Juweliergeschäfts an der Schauplatzgasse in Bern. Es liegt in Sichtweite zum Bundeshaus und zur damaligen Schweizerischen Volksbank an der Christoffelgasse. Im Tresor dieser Bank ist der Habsburger-Schmuck zu dieser Zeit eingelagert.

Der vermeintlich sichere Tresor kann aber nicht verhindern, was sich im Laufe des Jahres 1921 im Hinterzimmer des Juweliergeschäftes abspielt. Die Diamanten werden stückchenweise aus Ketten, Diademen und Kronen gebrochen, zerlegt und schliesslich ausser Landes geschafft. Involviert sollen der Schweizer Juwelier, ein windiger Geschäftsmann in Paris und ein persönlicher Berater des letzten Kaisers gewesen sein. Doch wie kam es zu diesem Jahrhundert-Diebstahl, der die Habsburger um ihr letztes Vermögen brachte? Eine Spurensuche.

Die Schauplatzgasse führt direkt zum Bundesplatz in Bern. Bild: Google

Knappe Flucht in die Schweiz

Am Anfang stand das Ende der Monarchie in Österreich. Nach der Kapitulation im Ersten Weltkrieg dankt Kaiser Karl I. am 11. November 1918 formell ab und flieht im März 1919 mit seiner Familie in die Schweiz. Ihr droht die Festnahme in Österreich, weil sie nicht offiziell auf ihre Herrschaftsansprüche verzichten will.

Für ihre Flucht hat die Kaiserfamilie aber vorgesorgt. Bereits am 1. November lässt Karl I. seinen Familienschmuck aus der Vitrine 13 der Schatzkammer in der Wiener Hofburg holen. Er gilt als privater Besitz der Habsburger. Darunter die österreichische Kaiserinnenkrone, acht Ketten des Ordens vom Goldenen Vlies und eben der viertgrösste Diamant der Welt, der «Florentiner». Schon damals hatten die Schmuckstücke einen Wert von mehr als 15 Millionen Franken. Wo der Wert heute liegt, ist kaum zu abzuschätzen.

Mit dem Zug will Karl I. die Juwelen ausser Landes in die neutrale Schweiz schaffen. Das allerdings führt am Wiener Westbahnhof fast zur Eskalation.

Karl I., der letzte Kaiser von Österreich, bei seiner Hochzeit 1911 mit Zita von Bourbon-Parma

Die Eisenbahner stellen sich quer, sie haben sich den Kommunisten angeschlossen und wollen den Schmuck für das Volk zurückhalten und die Ausfuhr verhindern. Schliesslich bewilligt der Wiener Polizeipräsident, er gilt als kaisertreu, die Abfahrt des Zuges. So kommt der Schmuck schliesslich in den Tresor in Bern.

Juwelen-Pfand für die Thronbesteigung

Ab 1919 lebt der Ex-Kaiser mit seiner Familie im Exil in der Schweiz, zuerst im Schloss Wartegg in Rorschach SG. Dann in der Villa Prangins in Nyon am Genfersee.

Doch Karl I. will zurück auf den Thron. Und zwar auf den ungarischen. Dort vermutet der Monarch noch genügend Gefolgsleute, die ihm die Rückkehr ermöglichen sollen. Dafür braucht er allerdings Geld und zwar viel Geld.

Karl I. beauftragt den ehemaligen Familien-Finanzberater, Bruno Steiner de Valmont, die Juwelen zu Geld zu machen. Und der nimmt Kontakt zum Juwelier Alphons Sonderheimer in Bern auf. Dort wird folgende Vereinbarung geschlossen: Ein Teil der Schmuckstücke wird als Pfand für einen Kredit in der Höhe von 1,6 Millionen Franken hinterlegt. Die Juwelen werden aus ihren Fassungen gebrochen und wieder in den Banktresor verfrachtet.

Am 23. Oktober 1921 scheitert Karls Restaurationsversuch in Ungarn. Die Familie wird endgültig verbannt und zwar auf die portugiesische Insel Madeira.

Juwelen aus dem Tresor getrickst

Nur wenige Tage nach der gescheiterten Thronbesteigung überschlagen sich die Ereignisse in Bern. Steiner de Valmont taucht im Juweliergeschäft in der Schauplatzgasse auf. Mit dabei ist ein berühmt-berüchtigter Diamanten-Händler, Jacques Bienenfeld aus Paris. Steiner behauptet, Karl habe ihn beauftragt die Pfand-Juwelen auszulösen. Er legt ein entsprechendes Dokument vor.

1938 schreibt Sonderheimer dazu in seinen Memoiren «Vitrine 13», die erst 1966 in einem Wiener Verlag erscheinen: «Mir war darum, eine Gaunerei, die ich spürte, dass sie im Gange war zu verhindern.» Und weiter: «Im Saferaum der Schweizerischen Volksbank in Bern waren die zwei Direktoren versammelt, ferner Dr. Brand (Sonderheimers Anwalt Anm. d. Red.) und ich. Steiner erschien, begrüsste weder den einen noch den anderen und erklärte nur kurz, dass der Zweck seines Hierseins bekannt sei und dass er um Auslieferung der Sachen gegen Bankscheck bitte.»

In diesem Raum in der Schatzkammer der Hofburg in Wien befindet sich die Vitrine 13. Heute stehen hier edel verarbeitete Kreuze. Bild: Wikipedia, Gryffindor.

Trotz rechtlichem Beistand habe Sonderheimer das nicht verhindern können. Wie er in seinem Buch schreibt, habe Bienenfeld die 1,6 Millionen Franken Auslöse-Summe zur Verfügung gestellt. Mit dem Ziel, die Juwelen noch viel gewinnbringender auf dem Schwarzmarkt zu verkaufen. In einem Artikel der Zeitung «Le Populaire» vom 7. Juni 1923 wird spekuliert: «Ein Collier, das Marie-Thérèse gehört hatte, wurde von einem Engländer für 5 Millionen Franken gekauft.»

Keine Akten, kaum Spuren

Am 12. Januar 1922 kehrt Karls Frau Zita von Bourbon-Parma aus Madeira in die Schweiz zurück. Mit Schrecken stellt sie fest, die Juwelen sind weg. Die ehemalige Kaiserfamilie erstattet Anzeige. Es kommt zu Verhaftungen und mehreren Gerichtsverfahren. So wird Steiner in Paris festgenommen und nach Bern überführt. Auch der Juwelier Sonderheimer sitzt kurz in Haft, flieht dann in die USA.

Recherchen bei der Berner Staatsanwaltschaft zeigen, dass dort zum Fall keine Akten mehr vorliegen. Auf Anfrage von Crime Schweiz heisst es: Akten würden längstens bis 30 Jahre nach dem Verfahrensende archiviert. Aber auch im Schweizerischen Zentralarchiv in Bern ist zu den Strafverfahren in den Jahren 1922 bis 1924 nichts zu finden.

Heute tut es mir leid, eigentlich hätte ich der Sache nachgehen müssen…

Alphonse Sonderheimer, Juewelier

Sonderheimer schreibt in seinem Buch: «Sechs Monate haben Steiner und seine Ehefrau in Haft zugebracht.» Doch schliesslich hätte der Untersuchungsrichter das Verfahren wegen Mangel an Beweisen einstellen müssen. Am Ende des Buches führt er etwas schadenfroh aus, dass sich Bienenfeld aber auf seinem Triumph nicht habe ausruhen können. Sein Weg habe in rasender Linie abwärts geführt. Er sei elendig zugrunde gegangen, nachdem er sein ganzes Vermögen verloren habe. Er sei am ganzen Leibe gelähmt und zersetzt verstorben.

Steiner de Valmont soll irgendwo in Italien gelebt haben. Sonderheimer sei noch einmal auf seinen Namen gestossen. «Als mein Zürcher Vertreter mir mitteilte, dass ein grosser Posten Juwelen in Mailand von einem gewissen Baron Steiner versetzt würde. Ich schrieb: ‚Danke! Ich will nicht.‘ Heute tut mir das leid, eigentlich hätte ich der Sache nachgehen müssen…»

Bei Christie’s versteigert?

Der gesamte Schmuck gilt seit den Geschehnissen 1921 in Bern als verschollen. Gerüchte ranken sich besonders um das bekannteste Stück der Sammlung. Der «Florentiner» auch «Grossherzog der Toskana» oder «Österreicher» genannt, hat 137,2 Karat und etwa die Grösse einer Walnuss. Der gelbe Stein hatte zuletzt die Form eines Briolettes.

Der Florentiner wie er zuletzt verarbeitet war. Als oberstes Prunkstück in einer Hutagraffe. Das Bild entstand vor 1918.

Eine Versteigerung des Auktionshauses Christie’s im November 1981 in Genf sorgte für Spekulationen. Unter der Position 710 wurde ein gelber und namenloser Diamant von 81,56 Karat angeboten. Er war eingerahmt von vierzehn kleinen Brillanten an einer goldenen Kette mit Rückenverschluss.

Der Diamant ging für 600’000 Franken an einen Telefonbieter. Dieser konnte von Christie’s aber nicht mehr ermittelt werden, da die Verpflichtung zur Aufzeichnung 1980 aufgehoben wurde. War es der «Florentiner»? Die Frage bleibt bis heute unbeantwortet.