Kristallhöhlen-Fall: Bei den Kindern ging die Angst um

Der Mord an zwei Mädchen schockierte 1982 die Schweiz. Der Kristallhöhlen-Fall blieb ungeklärt und beschäftigt die Menschen bis heute. «Crime Schweiz» rollt den Fall in einer dreiteiligen Serie auf. Teil 2: Bei den Kindern ging in den 1980er-Jahren die Angst um.

Aus Kindersicht habe der Kristallhöhlen-Doppelmord perfekt zu den gut 20 Kindern und Jugendlichen gepasst, die in den 80er-Jahren in der Schweiz entführt oder getötet wurden. Spätestens über «Aktenzeichen: XY» erfuhren sie von den vermissten oder getöteten Altersgenossen. So sei eine leicht paranoide Atmosphäre entstanden. «Auf dem Schulweg ging immer die Furcht mit. Jedes Auto, das zu langsam an uns vorbeifuhr, nahm ich als Bedrohung wahr», sagt der Rheintaler «Tages-Anzeiger»-Redaktor Beat Metzler. Der Kristallhöhlen-Doppelmord sei ein wichtiger Teil dieser Kindheitsangst gewesen. Wohl daher hätten ihn viele, die während der 80er-Jahre im Rheintal aufwuchsen, nicht vergessen. «Das Grauen, das von ihm ausging, ist nie ganz verblichen.»

Die beiden Opfer stammten aus der St. Galler Vorortsgemeinde Goldach am Bodensee. Karin Gattiker war damals 15 Jahre alt und Sekundarschülerin, die um zwei Jahre ältere Brigitte Meier war KV-Lehrling. In jenem Sommer planten die beiden eine Velotour ins Appenzeller­land, wo Karin Gattikers Grossmutter wohnte. Am ersten Tage radelten sie nach Herisau und übernachteten bei der Grossmutter. Dabei machte ein Unbekannter ein Bild der Mädchen. Die letzte Fotografie der beiden: zwei unbeschwerte Mädchen, die lachend in die Kamera schauen. Die Polizei fand den Foto­apparat später im Gepäck der beiden Verschwundenen.

Letzte Etappe führte sie nach Oberriet

Am nächsten Tag fuhren sie nach Appenzell Innerrhoden, wo sie in der Jugendherberge Weissbad in Schwende schliefen und sich bei der Leiterin nach dem Heimweg erkundigten. Am Morgen des 31. Juli 1982 nahmen sie die letzte Etappe in Angriff. Sie fuhren ins Rheintal und erreichten gegen Mittag die  Gemeinde Oberriet. Beim Weiler Kobelwies sah sie der erwähnte Zeuge, wie sie mitten auf einer Nebenstrasse standen und an einer Kreuzung den Wegweiser studierten. Auf einem war die Aufschrift «Kristallhöhle», welche wohl das Interesse der Mädchen weckte. Ein weiterer Zeuge machte eine wichtige Beobachtung, wie der Journalist und Autor Walter Hauser in seinem Buch «Hoffen auf Aufklärung – ungelöste Mordfälle in der Schweiz zwischen Verfolgung und Verjährung» beschreibt. 

Bei dieser Kreuzung wurden die Fahrräder der jungen Frauen gefunden.
Bild: Stefan Hohler.

Der heute 77-jähriger Rentner sah von seinem Haus aus, nur rund 80 Meter von der Kreuzung entfernt, wie ein silbergrauer Mittelklassewagen bei den Mädchen anhielt und etwa fünf Minuten stehen blieb. Der Rentner glaubt, dass die Mädchen ins Auto stiegen und vermutlich zur rund zehn Fahrminuten entfernten Kristallhöhle hinauffuhren. Sie sollen freiwillig eingestiegen sein, er habe weder Geschrei und Stimmen­gewirr noch knallende Autotüren oder Motorenlärm gehört. 

Als die Mädchen am Abend nicht zu Hause in Goldach ankamen, schlugen die Eltern Alarm. Am nächsten Tag stiess die Polizei auf die beiden Velos. Auf dem Gepäckträger waren noch die Reiseutensilien der Mädchen, inklusive der Fotokamera. Es begann eine fieberhafte Suche nach den Vermissten, tage- und wochenlang. 150 Polizisten waren im Einsatz. 

Knapp neun Wochen nach dem Verschwinden der Mädchen, am 2. Oktober 1982, stiess ein Wanderer unterhalb der Höhle auf die Leiche von Brigitte Meier, zugedeckt von einer schweren Felsplatte. Am darauffolgenden Tag entdeckte die Polizei auch die sterblichen Überreste von Karin Gattiker in einer Felshöhle rund 50 Meter vom ersten Fundort entfernt. Bei Brigitte Meier konnte der Gerichtsmediziner eine schwere Schädelfraktur feststellen, bei Karin Gattiker liess sich die genaue Todesursache allerdings nicht mehr rekonstruieren, die Leiche war bereits zu stark verwest. 

Diese Karte zeigt die Vetotour der Mädchen bis zum Ort des Verbrechens in Oberriet SG.
Graphik: Tages-Anzeiger

Mord verjährt nach 30 Jahren

SVP-Nationalrat Mike Egger aus dem st.-gallischen Berneck hielt an der Veranstaltung im Werkhof Oberriet die Einleitungsrede. Der Politiker kritisierte, dass die Schweiz zu den ganz wenigen Ländern der Welt gehört, in denen ein Mord nach 30 Jahren verjährt und damit strafrechtlich nicht mehr verfolgt werden kann. Egger erwähnte, dass sich demnächst der Ständerat mit einer Standesinitiative des St.Galler Kantons­parlaments befassen wird, welche die Abschaffung von Verjährungsfristen bei Schwerstverbrechen verlangt 

Und danach sprach Axel Petermann. Der deutsche Profiler ging zuerst auf die beiden Opfer ein. Petermann beschrieb die 17-jährige Brigitte als unternehmungslustig und offen gegenüber Fremden. Die junge Frau habe sich damals in einer Selbstfindungsphase befunden. Sie habe den Ton angegeben. Demgegenüber sei ihre 15-jährige Freundin Karin zurückhaltend, vorsichtig und scheu gewesen. Er vermutete, dass der Täter die Mädchen bei der Kreuzung, wo sie um die Mittagszeit noch von einem Zeugen mit den Fahrrädern gesehen wurden, ansprach und vorschlug, sie mit dem Auto hochzufahren und die Kristallhöhle zu besichtigen. Die Fahrt mit dem Auto dauert keine zehn Minuten, am Schluss muss man noch fünf Minuten zu Fuss bis zur Höhle gehen.

Die Leiche von Brigitte Meier wurde unterhalb der Höhle entdeckt, die Überreste von Karin Gattiker in einer Felsenhöhle.
Bild: Stefan Hohler

Oben angekommen, seien die Mädchen wohl umgebracht worden. Die Gerichtsmediziner konnten bei der Älteren einen Schädelbruch und ein Schädel-Hirn-Trauma feststellen – verursacht entweder durch einen Schlag oder einen Sturz. Die Jüngere könnte ebenfalls erschlagen oder erwürgt worden sein. Vermutlich habe es sich bei der 15-jährigen Karin um einen Eliminierungsmord gehandelt – der Täter wollte die Zeugin aus dem Weg schaffen.

Lesen Sie morgen den dritten Teil: Der Profiler geht von «Zufallstat» aus.

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