Als der Zürcher «Kristallhöhlenmord» die Stadt in Atem hielt

Das Verschwinden des 5-jährigen Hansli Eichenberger löste in Zürich vor 70 Jahren Angst und Schrecken aus und prägte eine ganze Generation. Der Fall war die echte Vorlage für den Spielfilm: «Es geschah am hellichten Tag»

Der Artikel «Was geschah damals in der Höhle» über den Doppelmord an zwei 15- und 17-jährigen Mädchen im St. Galler Rheintal im Jahr 1982 hat Reaktionen ausgelöst. Eine Leserin fühlt sich an den mutmasslichen Mord am damals 5-jährigen Hansli Eichenberger im Jahr 1949 in Zürich-Altstetten erinnert.

«Ich war damals 8 Jahre alt und wohnte nicht weit weg vom Quartier Altstetten. Mir und meinen Gspänli erging es genauso, wie es der früher im Rheintal wohnhafte ‚Tages-Anzeiger‘-Redaktor Beat Metzler im Artikel erzählt hat. Unter uns Kindern und unseren Eltern herrschte Angst und Schrecken, die über Jahre anhielten.» Das Verbrechen sei Teil ihrer Lebensgeschichte.

«Im Sommer 1949 bekam diese Angst einen Namen»

Von diesem traumatischen Ereignis hat auch die bekannte Zürcher Journalistin und Autorin Klara Obermüller in ihrem vor drei Jahren erschienenen Buch «Spurensuche: Ein Lebensrückblick in zwölf Bildern» geschrieben. Die heute 79-Jährige hatte sich als kleines Mädchen unerlaubt aus der Wohnung im Wollishofer Raindörfli entfernt, wie sie dem «Tages-Anzeiger» erzählt, und musste als Strafe ohne Znacht ins Bett. «Tu das nie wieder», habe ihre Mutter gesagt, und das kleine Mädchen spürte die Angst hinter ihrem Zorn.

«In jenem Sommer ist etwas von der Unbeschwertheit verloren gegangen, die das Raindörfli geprägt hat.»

Klara Obermüller

«Im Sommer 1949 bekam diese Angst einen Namen: Hansli Eichenberger», schreibt Obermüller. Der Fall des kleinen Knaben habe die Schweiz in Atem gehalten. «In jenem Sommer ist etwas von der Unbeschwertheit verloren gegangen, die das Raindörfli geprägt hat.» Die Eltern hätten ihre Kinder eindringlich beschworen, nie einem Unbekannten zu folgen oder in ein fremdes Auto einzusteigen.

Bis heute nicht aufgeklärt

Hansli Eichenberger war an jenem 20. Mai 1949 kurz vor dem Mittag von seiner Mutter zum Einkaufen geschickt worden. Er soll im nahen Migros-Laden ein Kilo Zitronen holen. Doch er kehrte nie zurück. Das Einzige, was die Polizei anderntags fand, war die in einer Betonröhre versteckte Einkaufstasche mit einem Taschentuch und eine Unterhose mit Blutspritzern.

Tagelang durchkämmten Polizisten die unübersichtliche Wohn- und Gewerbelandschaft rund um die Wohnung an der Vulkanstrasse in Altstetten. Sie durchsuchten Schuppen, Lagerplätze und Kanalisationen. Liegenschaftenbesitzer und Schrebergärtner wurden in einem Rundschreiben aufgefordert, jede Veränderung auf ihrem Areal zu untersuchen und besonders auf frische Stellen in den Böden zu achten. Bauern sollten die Miststöcke und Jauchegruben prüfen.

Mit dieser Vermisstenanziege wurde 1949 nach Hansli Eichenberger gesucht.
Bild: Staatsarchiv Zürich

Nach zehn Tagen liess die Bezirksanwaltschaft ein Plakat drucken und aufhängen: «Vermisst – Belohnung 1000 Fr.»stand darauf. Zu sehen war ein Brustbild von Hansli. Die Polizei erhielt viele Hinweise. Der wichtigste kam von einer Frau, die einen Mann gesehen hatte, der in die Betonröhre guckte und später mit dem Auto wegfuhr. Der Fahrer meldete sich aber nicht, auch das Auto konnte nicht gefunden werden. Der Fall bleibt bis heute ungelöst.

Stoff für Dürrenmatt-Roman

Der mutmassliche Sexualmord war Stoff für ein Drehbuch. Wie die NZZ in einem Bericht über Kindsentführung und -tötung 2007 schrieb, hatte der Filmproduzent Lazar Wechsler vom Fall gehört und plante einen Spielfilm zum Thema «Sexualverbrechen an Kindern». Er bestellte 1957 beim damals 36-jährigen Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt ein Drehbuch dazu.

Daraus entstand die Vorlage für den Film: «Es geschah am hellichten Tag»

Von der Zürcher Kantonspolizei erhielt Dürrenmatt zusätzliche Informationen zu einem weiteren «Lustmord» an einem Mädchen in Winterthur. Daraus entstand die Vorlage für den Film: «Es geschah am helllichten Tag», welcher 1958 in die Kinos kam. Den Kindermörder spielte Gert Fröbe.

Dürrenmatt war mit dem Ergebnis nur mässig zufrieden. Deshalb schrieb er eine zweite Fassung in Form eines Romans mit dem Titel «Das Versprechen». Im Gegensatz zur Filmversion, in welcher der Mörder am Ende erschossen wird, scheitert der Kommissar in der Buchvorlage an einem Zufall.

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