Dem Mörder auf der Spur – ein Buch über echte Kriminalfälle

Er ist der Mann fürs Grobe. Seit 15 Jahren schreibt Polizeireporter Stefan Hohler über Mord und Totschlag. Jetzt hat er seine spektakulärsten Geschichten im Buch «13 Mordfälle und eine Amour fou» veröffentlicht. «Crime Schweiz» war bei der Vernissage dabei – und bringt Auszüge aus dem Werk in einer dreiteiligen Serie.

Autor Stefan Hohler lud am Mittwochabend im Sphères in Zürich zur Vernissage. Die Bar, die gleichzeitig eine Buchhandlung ist, lieferte den perfekten Rahmen für die Präsentation seines zweiten Sachbuches. Unter den geladenen Gästen waren bekannte Schweizer Gerichts- und Polizeireporter sowie Vertreter der Zürcher Justizbehörden und der Polizei.

An der Vernissage schlüpfte seine Frau in die Rolle der Vorleserin und begeisterte das Publikum sowohl mit dem Inhalt wie auch mit ihrer Stimme. Marco Cortesi, Leiter Medienstelle der Stadtpolizei Zürich, schrieb das Vorwort im Buch und brachte es am Anlass auf den Punkt: «Stefan Hohler ist einer der renommiertesten Polizeireporter. Hartnäckig aber stets korrekt.»

Dass sich Stefan Hohler im Buch für diese 14 Kriminalfälle entschieden hat, kommt nicht von ungefähr. Jeder einzelne sei auf seine Art einzigartig erschreckend, wie der Journalist ausführt. «Sie haben mich über Wochen beschäftigt, vergessen werde ich die Einzelheiten nie mehr», betont er. «Obwohl ich von mir selbst sage, dass ich kein emotionaler Mensch bin und selbst mit schaurigen Details gut umgehen kann.»

In einer dreiteiligen Serie veröffentlicht «Crime Schweiz» Auszüge aus dem Buch. Es handelt sich dabei um das Kapitel über den Callgirl-Mörder, der im August 2008 in der Ostschweiz eine 30-jährige Thailänderin aus dem Zürcher Rotlichtmilieu ersticht. Der Mann ist seit dem Ja zur Verwahrungs-Initiative 2004 der einzige Schweizer Täter, der rechtskräftig lebenslänglich verwahrt wurde.

Teil 1 aus dem Kapital: Der Callgirl-Mörder Mike A.

«Ladarat, ein Kunde für dich.» Ein Freier aus dem Kanton Thurgau hat bei einem Escort-Service im Zürcher Rotlichtquartier angerufen und die zierliche Thailänderin für eine Nacht gebucht. Ladarat ist schon lange im Geschäft. Sie  weiss, Männerwünsche zu erfüllen und ist entsprechend begehrt. Die 30-Jährige hat erreicht, wovon die meisten Prostituierten nur träumen können. Sie kassiert als Escort-Callgirl pro Nacht 2200 Franken. Ladarat  schminkt sich, zieht Jeans und Bluse an, nimmt ihre braune Handtasche und lässt sich zum Freier nach Märstetten, einer kleine Gemeinde im Thurgau fahren.

Während der Fahrt fragt sie sich, wie ihre siebenjährige Tochter und ihr Schweizer Ehemann wohl den Tag in Zürich verbracht haben und freut sich auf das freie Wochenende. Kurz nach Mitternacht erreichen sie das kleine Dorf und Ladarat steigt an der vereinbarten Strassenkreuzung aus. Der Kunde wartet bereits an einer Strassenlaterne auf sie, eine furchteinflössende Gestalt. Der bullig wirkender Schweizer hat tiefe Augenringe, ein vernarbtes Gesicht, zerzausten Bart und wallendes Haar. «Bist Du sicher, dass Du mit ihm gehen willst?», fragt sie der Chauffeur besorgt. «Keine Angst», erwidert Ladarat , «ich kenne ihn.» Sie steigt aus und instruiert den Fahrer nochmals, wo und wann er sie am nächsten Morgen abholen soll. Dann hakt sie beim Freier ein und zusammen verschwinden die Beiden in seine Wohnung in einem nahen Mehrfamilienhaus.

*
Das Opfer: Die 30-jährige Thailänderin Ladarat.

Obwohl Ladarat  den arbeitslosen Lageristen bereits von einem früheren Sextreffen kennt, weiss das Escortgirl nicht, dass Mike A. eine dunkle Seite besitzt: er ist ein Sadist. Was in der folgenden Nacht geschah, kann nur der 41-jährige Mike A. sagen. Dazu schweigt er aber beharrlich. Sicher ist, Ladarat  hatte Sex mit ihm, dies ergab später die Obduktion. Ob er das Callgirl während oder nach dem Geschlechtsverkehr mit zwei Messerstichen in die Brust tötete, ist unbekannt. Das Messer durchsticht Herz und Lunge. Ladarat muss noch in der Wohnung gestorben sein. Nach der Tat, packte Mike A. die nackte Leiche in einen Lederkoffer. Diesen schleifte er durchs Treppenhaus hinunter zur Garage, wo sein Puch-Maxi-Mofa stand. Dort befestigte er den Koffer auf dem Gepäckträger und fuhr davon. In einem Waldstück ausserhalb des Dorfes warf er den Koffer mit der Toten eine Böschung hinunter. Dann kehrte er zurück, duschte, reinigte Wohnung und Treppenhaus von Blutspuren sowie seine Kleider in der Waschmaschine.

Der Chauffeur des Begleitservices hatte ein ungutes Gefühl, als am nächsten Morgen Ladarat  nicht wie vereinbart an der Strassenkreuzung in Märstetten wartet. Dies passte überhaupt nicht zur zuverlässigen Thailänderin, die an diesem Morgen auch sämtliche Handyanrufe unbeantwortet liess. Der Chauffeur ahnte Schlimmes und alarmierte die Polizei, die noch am gleichen Abend Mike A. verhaftete. Doch der gab sich ahnungslos, wollte nicht wissen, wo Ladarat  war. Zuvor hatte die Polizei einen anderen Mann festgenommen: Den Vormieter von Mike A., unter dessen Namen der Lagerist die Prostituierte zu sich bestellt hatte. Die Polizei startete eine grosse Suchaktion nach dem spurlos vermissten Callgirl. Sie setzte Hunde, Helikopter und Taucher ein – ergebnislos. Ladarat blieb spurlos verschwunden. Sogar der Abfall der Thurgauer Gemeinde wurde beschlagnahmt, und Polizisten durchwühlten insgesamt neun Tonnen Haushaltkehricht nach Spuren der Frau.

Zwei Wochen nach der Vermisstmeldung wurde an alle Haushalte in und um die kleine Gemeinde ein Flugblatt mit dem Foto der Thailänderin verteilt: Eine hübsche Frau mit rötlichbraunem Haar und leicht melancholischem Blick. Ein Verbrechen könne nicht ausgeschlossen werden, stand auf dem Flyer. Sachdienliche Beobachtungen sollten der Polizei gemeldet werden. Auch dieses Fahndungsmittel zeigte keinen Erfolg. Es verstrichen weitere zwei Wochen, bis die Polizei die sterblichen, stark verwesten Überreste Ladarat’s fand: An einem Abhang im Wald ausserhalb des Dorfes, in einen Koffer gesteckt. Daneben ein Plastiksack mit ihren Kleidern und Schuhen und, an einem jungen Tännchen hängend, gebrauchte Latex-Einweg-Handschuhe.

*
Täter: Mike A. wird von zwei Polizisten an den Prozess vor dem Bezirksgericht Weinfelden geführt.
Bild: Stefan Hohler 

Lesen Sie Morgen Teil 2 aus dem Kapital: Der Callgirl-Mörder Mike A.

Stefan Hohler: 13 Mordfälle und eine Amour fou. Die spannendsten Kriminalfälle des «Tages-Anzeiger»-Polizeireporters.

Münster-Verlag.
ISBN 978-3-907146-48-4
24 Franken 

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