Paul Irniger war erst 25 Jahre alt, als er 1939 mit der Guillotine hingerichtet wurde. Es war der zweitletzte Vollzug der zivilen Todesstrafe in der Schweiz. Sein kurzes Leben, seine Verbrechen und sein tragisches Ende gingen in die Schweizer Kriminalgeschichte ein. In unserer Serie «Crime History» rekonstruieren wir den Fall.
Er feuert mehrere Schüsse in die Luft ab, dann lädt er seine Pistole nach. Es ist der 9. August 1937 in Rapperswil SG. Paul Irniger ist umringt von seinen Verfolgern. Es sind wütende Rapperswiler, die den Mann, der eben zwei Menschen in der Stadt erschossen hat, nicht entkommen lassen wollen. Irniger rennt trotzdem los, flieht in Richtung Zürichsee. Doch er kommt nicht weit. Nur wenig später entdecken ihn seine Verfolger im dichten Schilf am Seeufer. Sie schlagen ihn nieder, die Wut entlädt sich. Irniger wird malträtiert und beinahe gelyncht. Es habe danach mehrere Wochen gedauert, bis er verhört werden konnte, heisst es in den Untersuchungsakten.
Was aber genau war passiert? Wie kam es zum Showdown in Rapperswil und wie wurde Irniger zum brutalen Mehrfachmörder? Sicher ist: Irnigers Leben war kurz und turbulent, der Start ins Leben holprig und äusserst schwierig. Der Vater starb, da war er noch ein Kleinkind, die Mutter versuchte sich mit Diebstählen und Betrügereien über Wasser zu halten.
Als der Junge sechs Jahre alt war, musste die Mutter aufgrund der Vorstrafen ins Gefängnis. Irniger kommt in ein Kinderheim. «Er stammt aus einer Familie, in der das Zuchthaus bereits eine recht bekannte Institution geworden ist», zitiert das St. Galler Tagblatt seinen damaligen Anwalt Armin Egli. Er sei danach in den Erziehungsanstalten misshandelt worden. Damit sei er das «Opfer seiner Herkunft und der verfehlten Erziehung», so der Verteidiger weiter.
Schon ganz jung ein Dieb und Brandstifter
Irniger landet schliesslich selber auf der schiefen Bahn. Mit 17 Jahren ist er bereits wegen Diebstahl, Betrug und Brandstriftung polizeilich bekannt. In der Zwangserziehungsanstalt Aarberg schliesst er immerhin die Lehre zum Schreiner ab. Kurz darauf wird er entlassen. Er absolviert in Luzern zunächst die Rekrutenschule, lässt sich danach aber als junger Erwachsener treiben.
Ohne Geld und familiäre Unterstützung fällt er zurück in alte Muster. Und nicht nur das: Er geht noch einen Schritt weiter und begeht seinen ersten Mord. Am 5. März 1933 besteigt er in Zug ein Taxi und fährt damit in Richtung Baar. Er hat es auf die Einnahmen des Taxichauffeurs abgesehen. Etwas ausserhalb der Stadt lässt er das Taxi anhalten und erschiesst den Mann am Steuer. Seine Beute: 60 Franken. Irniger gelingt die Flucht, ohne erkannt zu werden. Unbekümmert und skrupellos hält er auch nach dieser Tat an seinen Gaunereien fest. Weniger später wird er sogar wegen Betrugs verhaftet – der Zusammenhang mit dem Tötungsdelikt bleibt da nochs unentdeckt.

Im Kloster Einsiedeln nahm er die Beichte ab
Auf den ersten Blick wirkt Irniger wie ein etwas einfältiger Betrüger. Wie einer, dem die Konsequenzen egal sind, der sich darüber gar keine oder nur wenige Gedanken macht. Ein Bild, das so nicht ganz stimmt. Irniger war belesen und der lateinischen Sprache mächtig. So wird sein Verteidiger zitiert: «Auf jeden Fall hat man es bei Irniger mit einem jungen Manne zu tun, dessen Intelligenz weit über dem Mittel steht.» E
igentlich wäre er lieber Geistlicher geworden. Bereits als Kind habe er sich für Religion begeistert. Tatsächlich soll er nach seinen Taten jeweils auch Busse getan haben. Und schliesslich erfüllt er sich mit einer List seinen ursprünglichen Berufswunsch. Er erschleicht sich Zugang zum Kloster Einsiedeln, gibt sich dort als Trappistenpater aus, liest in der Kirche Messen und nimmt sogar die Beichte ab. Doch er fliegt auf und kommt erneut in Haft.
Ab diesem Punkt sind es nur noch wenige Puzzlesteine, die bis zum Showdown in Rapperswil führen. Nach seiner Entlassung zieht Irniger wieder als Dieb und Betrüger durchs Land. In Egg ZH steigt er in eine Kirche ein, in der er als Jugendlicher ministriert hat. Dort klaut er Kirchenschmuck im Wert von 1400 Franken. Und schliesslich führt ihn der Weg nach Rapperswil, wo er in ein Ferienhaus einbricht und einen Feldstecher, einen Armeerevolver und eine Pistole klaut. Den Feldstecher bietet Irniger kurz darauf in einem Optikergeschäft in der Stadt zum Kauf an. Der Ladenbesitzer weiss vom Einbruch und wird misstrauisch. Er ist es, der die Polizei alarmiert.


In zwei Kantonen zum Tode verurteilt
Irniger wird vor Ort durch den Landjäger Alfons Kellenberger verhaftet. Er durchsucht ihn zwar, übersieht aber die Pistole, die Irniger am Körper trägt. Er nimmt ihn mit auf den Polizeiposten, wo es zur Eskalation kommt. Als Kellenberger Irniger in die Zelle stossen will, greift dieser nach der Waffe und drückt mehrfach ab. Ein Kopfschuss tötet den Polizisten sofort. Irniger flieht und Augenzeugen folgen dem Täter. Unter ihnen auch der Chauffeur Josef Döbeli. Er versucht den Flüchtigen zu stoppen, rangelt mit ihm. Es lösen sich zwei Schüsse – sie treffen auch Döbeli tödlich. Im Schilf schliesslich können die Verfolger Irniger überwältigen.
Wenige Monate später, im April 1938, wird Irniger in St. Gallen der Prozess gemacht. Im Rahmen des Untersuchungsverfahrens gesteht er schliesslich auch den Mord im Kanton Zug. Das Gericht in St. Gallen beurteilt allerdings nur seine Taten in Rapperswil – und spricht für die zwei Tötungsdelikte die Todesstrafe aus. Nur wenig später wird Irniger aber durch den Grossen Rat begnadigt. Die Strafe wird in eine lebenslängliche Haftstrafe umgewandelt.
Für den Mord am Taxichauffeur wird Irniger in den Kanton Zug überführt. Auch dort wird ihm der Prozess gemacht. Und wieder verhängt das Gericht die Todesstrafe. Da Irniger in diesem Fall auf das Gnadengesuch verzichtet, kommt es zum Vollzug des Urteils. Am 25. August 1939 wird der 25-Jährige in der Strafanstalt Zug mit der Guillotine hingerichtet.
Für Irnigers Hinrichtung erhielt der Kanton Zug 186 Bewerbungsschreiben von Freiwilligen. Arthur X. wurde schliesslich für die Aufgabe ausgewählt. Pikant: Er erkrankte später an paranoider Schizophrenie und starb 1960 in der psychiatrischen Klinik Burghölzli.
