Die Schweizer Polizeikorps haben den «Fällelern» den Kampf angesagt. Die Masche der meist aus dem Maghreb stammenden minderjährigen Asylsuchenden: Sie klauen Wertvolles aus unverschlossenen Fahrzeugen. Trotz polizeilichen Massnahmen reissen die Fälle nicht ab.
Zum neusten Fall kommt es in der Nacht auf Sonntag in Eiken im Kanton Aargau. Es ist kurz nach zwei Uhr, als bei der Notrufzentrale der Polizei ein Alarmruf eingeht. Ein Augenzeuge berichtet, er habe soeben zwei Personen dabei beobachtet, wie sie in ein Auto einsteigen wollten.
Als die ausgerückte Patrouille der Regionalpolizei unteres Fricktal die Adresse erreicht, sieht sie gerade noch, wie eine Person aus einem unverschlossenen Auto springt und die Flucht ergreift. Die Polizei nimmt die Verfolgung auf, dabei setzt sie auch den Diensthund Iaro ein.

Dieser kann die geflüchtete Person in einem Gebüsch stellen, doch der Verdächtigte flüchtet erneut. Wenig später klicken aber dennoch die Handschellen, wie die Kantonspolizei Aargau in einer Medienmitteilung schreibt. «Nach kurzer Nacheile konnte ein 16-jähriger Marokkaner durch eine Patrouille der Kantonspolizei Aargau angehalten werden.»
Das Profil des Beschuldigten wie auch der Modus Operandi – kein Einzelfall. In den letzten Monaten sorgten vergleichbare Fälle schweizweit für Aufsehen. So sehr, dass für die Täterschaft sogar eine eigene Bezeichnung kreiert wurde: die «Fälleler». Weil sie bei den Türfallen der Autos testen, ob diese unverschlossen sind oder eben nicht.
Die im März veröffentlichte Kriminalstatistik zeigte es schliesslich schwarz auf weiss: 2023 nehmen die Vermögensdelikte in der Schweiz massiv zu. Schweizweit kommt es zu 18’192 Diebstählen aus unverschlossenen Autos.

Lediglich 22,3 Prozent der Fälle konnten aufgeklärt werden. Hier zeigt sich: Bei den Tätern handelt sich mehrheitlich um junge oder minderjährige männliche Personen aus Maghreb-Staaten. Hauptsächlich Algerien und Marokko.
Gegenüber 20 Minuten sagt Adrian Gaugler, Sprecher der Konferenz der kantonalen Polizeikommandantinnen und -kommandanten, dass es sich bei den Straftätern um Asylsuchende handle, die teilweise bereits einen negativen Asylentscheid erhalten hätten.
Das Problem mit «Fällelern» stellt die Polizei vor grosse Herausforderungen. Bei Diebstählen handelt es sich um Bagatelldelikte. Wird die Person festgenommen, muss sie nach der Einvernahme auf dem Polizeiposten schnell wieder auf freien Fuss gesetzt werden. Das sorgt für enormen Mehraufwand bei den Polizeikorps, der Täterschaft droht zudem nur eine geringe Strafe, was diese kaum abschreckt. Das zeigt auch der Blick in die Kriminalstatistik. Im Vergleich zu 2022 haben die Fälle um satte 71 Prozent zugenommen.

In verschiedenen Kantonen wurden in der letzten Monaten Massnahmen entwickelt. Das sind zum Beispiel mehr Patrouillen oder Kontrollen an gewissen Hotspots. Der Kanton Thurgau geht hier noch einen Schritt weiter.
So sagt Jürg Zingg, Kommandant der Kantonspolizei Thurgau, zur Thurgauer-Zeitung: «Eine Arbeitsgruppe mit Vertretern der Staatsanwaltschaft und des Migrationsamts hat Massnahmen erarbeitet und umgesetzt.» Man schöpfte nun rechtliche Möglichkeiten aus, indem man beispielsweise den Bewegungsradius von Tätern einschränkte.
Die Konferenz der kantonalen Polizeikommandantinnen und -kommandanten fordert zudem eine bessere Vernetzung der einzelnen Polizeikorps. Wünschenswert sei ein nationaler Datenaustausch vor allem im Bereich der Bagatelldelikte. Gaugler: «Wenn die Person in anderen Kantonen weitere Delikte begangen hat und wir die Zusammenhänge erkennen und aufzeigen können, sind wir auch vom Strafmass her in einem ganz anderen Segment.» Denn Gaugler ist sich sicher: Eine U-Haft schrecke dann doch mehr ab als nur ein kurzer Besuch auf dem Polizeiposten.
