Schon als Schüler spiesste er Fische auf

Seit 15 Jahren schreibt Polizeireporter Stefan Hohler über Mord und Totschlag. Jetzt hat er seine spektakulärsten Geschichten im Buch «13 Mordfälle und eine Amour fou» veröffentlicht. «Crime Schweiz» bringt Auszüge aus dem Werk. Heute Teil zwei aus dem Kapital: Der Callgirl-Mörder Mike A.

Zwei Phänomene ziehen sich wie ein roter Faden durch das Leben von Mike A.: seine dissoziale Persönlichkeitsstörung und sein sexueller Sadismus. Er liebt es, Frauen beim Sex zu würgen und mit einem Messer zu bedrohen. Schon als Schüler hat er in seiner Freizeit Fische aufgespiesst und Mäuse mit Strom gequält. Später werden seine Opfer Frauen sein. Das erste war eine junge Frau, die nach einem Dancingbesuch vom damals 22-jährigen Mike A.  nach Hause begleitet wurde. Dort vergewaltigte und würgte er sie. Die Frau überlebte. Ein mutmasslich weiteres Opfer war eine Spielsalon-Aufseherin, deren verkohlte Leiche die Polizei später in einem abgebrannten Haus fand. Die Polizei vermutete, dass mit dem gelegten Brand die Spuren verwischt werden sollten. Zwar wurde Mike A. verhaftet und er legte ein Geständnis ab, welches er aber später widerrief. Nun kommt er richtig auf den Geschmack. Ein halbes Jahre später strangulierte er erneut eine Frau beim Sex und schnitt ihr in die Brust. Er wanderte für die beiden Sexualdelikte dreieinhalb Jahre ins Gefängnis, der Mord an der Spielsalon-Aufseherin konnte ihm nicht nachgewiesen werden. Sein Veranlagung, Frauen zu quälen, wurde zusehends abartiger. Zwei Jahre später fesselte er eine betrunkene Frau, vergewaltigte sie und schnitt ihr in die Brust. Erneut kam er für fünf Jahre ins Gefängnis. Eine Verwahrung wurde nie angeordnet, in beiden Fällen wurde er vorzeitig bedingt entlassen. Noch im offenen Strafvollzug heiratete Mike A. eine Frau aus seinem ehemaligen Bekanntenkreis.

*

Mit der Heirat schien sein sexueller Sadismus vorübergehend gebändigt. «Bei mir war er ein ganz anderer Mensch», sagt seine Ex-Frau, mit der er während fünf Jahren verheiratet war und Vater eines Sohnes ist. Ein Wunschkind, wie die Frau betont. Er habe sie nie geschlagen oder misshandelt. Mike A.  habe Liebe zeigen können und auch eine romantische Ader gehabt. «Beispielsweise hat er für mich ein Lied gespielt, das mir gefiel, oder er hat mir auf Knien eine Rose geschenkt.» Das habe sie stark beeindruckt, weil sie das nicht gekannt habe. Bei ihrem ersten Mann habe sie alles allein machen und alle Entscheidungen selber fällen müssen. Bei Mike A. gab es Wärme und Geborgenheit. «Aber es scheint, dass er zwei Persönlichkeiten hat», sagt sie. Vielleicht sei der Alkohol mitschuldig. Sie habe allerdings stets genau darauf geachtet, dass er nicht zu viel davon trank. Zur Tatzeit des Tötungsdelikts an Ladarat  wurde bei ihm ein Alkoholgehalt von 1,7 Promille gemessen.

Die Thailänderin Ladarat traf 2008 auf Mike A. Er tötete die Frau und wurde dafür lebenslänglich verwahrt.
Bild: ZVG

Die Frau hatte zwei Kinder aus erster Ehe, mit denen er nie recht «z Gang» kam.  Mit dem leiblichen Sohn hingegen verstand er sich besser und war anständig zu ihm. Aber er habe sich generell nicht gross um die Kinder gekümmert und keinerlei Verantwortung übernommen. Die Ehefrau erwähnt weiter, dass Mike A.  gegenüber den Kindern teilweise sadistisch gewesen sei – allerdings nur verbal. Am Ende der Ehe, als wieder vermehrt Alkohol im Spiel war, wurde er öfters aggressiv. Er stritt sich häufig mit den Kindern und rastete aus. Dann musste seine Ehefrau den Nachwuchs zu den Grosseltern schicken, weil sie Angst um ihn hatte. Da sei ihr klar geworden, dass Mike A.  gehen müsse. Als die Ehe in die Brüche ging und Mike A. wieder eine Beziehung zu seiner früheren Freundin aufnahm, fiel er in sein altes Verhaltensmuster zurück: Auch sie wurde von Mike A. gewürgt und brutal vergewaltigt. Mit der Ex-Freundin hat Mike A. eine gemeinsame Tochter.

*

Starr und teilnahmslos sitzt Mike A. vor den Richtern am Bezirksgericht Weinfelden. Die Hände auf dem Tisch verschränkt, blickt er mit bleichem, versteinertem Gesicht geradeaus – als ob ihn der Prozess überhaupt nichts anginge. Als ihn zwei Polizisten in Handschellen in den Gerichtssaal führen, herrscht er zornig eine Fotografin an. Instinktiv weichen die wartenden Zuschauer zurück, als er den Saal betritt. Vor dem Richter wirkt Mike A. geistesabwesend. Seine Antworten fallen kurz und knapp aus. Die Staatsanwältin hat ihn nicht nur wegen vorsätzlicher Tötung angeklagt, sondern auch wegen mehrfacher sexuelle Nötigung im Fall seiner ehemaligen Freundin.

Obwohl Forensiker sowohl auf dem Sofa in seiner Wohnung ein Haar des Opfers, als auch Blutspuren im Lavabo und in der Dusche fanden, Spuren von weggewischtem Blut im Wohnungsflur und im Treppenhaus entdeckten sowie DNA-Spuren von Ladarat  auf dem Mofatank sicherstellten, streitet Mike A. die Tat ab. «Diese Spuren hat mir die Polizei untergeschoben», sagt er emotionslos zum Richter. Aber nicht nur das: Selbst auf seinem Penis fanden die Rechtsmediziner DNA-Spuren des Opfers. Dafür hat er keine Begründung:  «Ich weiss nicht, wie die da hinkommen, ich habe ja geduscht.»

Lesen Sie Morgen Teil 3 aus dem Kapital: Der Callgirl-Mörder Mike A.

Stefan Hohler: 13 Mordfälle und eine Amour fou. Die spannendsten Kriminalfälle des «Tages-Anzeiger»-Polizeireporters.

Münster-Verlag.
ISBN 978-3-907146-48-4
24 Franken 

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