Fall Boppelsen: Geschah der Mord im Kinderzimmer?

Im Mordfall Boppelsen haben die Ehefrau des Hauptangeklagten und sein Komplize vor Gericht ausgesagt. Dabei kamen weitere Details ans Licht. Heute war der zweite von vier Prozesstagen.

  • Die Angeklagten: Der Hauptbeschuldigte ist ein 29-jähriger Berner Transportunternehmer. Er macht eine «serbische Mafia» verantwortlich. Diese habe ihn gezwungen, die beiden Opfer zu töten. Er habe hohe Schulden bei den Serben gehabt. An den Taten sollen zudem seine gleichaltrige Ehefrau und ein 36-jähriger Solothurner Garagist beteiligt gewesen sein.
  • Die Opfer: Im Sommer 2016 wurde in der Zürcher Unterländer Gemeinde Boppelsen ein 36-jähriger Lastwagenbesitzer aus Bülach tot aufgefunden. Das zweite Todesopfer war ein 25-jähriger Serbe aus dem Kanton Bern.

16:38 Uhr
Ende der Befragung der drei Beschuldigten

Am Ende der Befragung fragte ein Richter die Frau, ob sie an die Theorie von der serbischen Mafia glaube: «Ich würde es gerne glauben, aber ich glaube es nicht.» Sie könne es sich schlichtweg nicht vorstellen. Damit untergräbt die Frau das Hauptargument ihres Mannes, der in der stundenlangen Befragung durch das Gericht immer gesagt hat, dass er die beiden Tötungsdelikte auf Druck und Drohung einer «Serbenmafia» verübt habe, wie der «Tages-Anzeiger» schreibt.

Als eine Opferanwältin die Frau fragte, warum sie nach dem Mord am Serben weiterhin bei ihrem Ehemann blieb, antwortet sie: «Damals hat es bei mir noch nicht Klick gemacht.» Deshalb sei sie geblieben.

Neben dem Vorwurf des Raubmordes werden der Ehefrau auch Erpressung, Freiheitsberaubung und Entführung, gewerbsmässiger Betrug, Urkundenfälschung und Begünstigung und weitere Delikte vorgeworfen.

Zum Schluss konnten alle drei Beschuldigten Stellung zu den gemachten Aussagen nehmen. Während das Ehepaar nichts sagen will, fordert der Garagist den Hauptbeschuldigten auf, die wahren Beweggründe zu nennen, damit die Opferfamilien endlich Gewissheit hätten. «Er soll dazu stehen, was für einen Scheiss er gemacht hat.»

Gegen 16.30 Uhr ist die Befragung der Ehefrau abgeschlossen. Damit hat das Bezirksgericht Bülach alle drei Beschuldigten während zweier Tage zur Person und zur Tat befragt. Nun folgen die Strafanträge der Staatsanwältin und die Plädoyers der Verteidiger.

15:26 Uhr
Mulmiges Gefühl gehabt

Später, auf dem Parkplatz in Oeschgen AG im Fricktal, gab ihr der Ehemann den Auftrag, das Handy des Opfers zurück in die Garage in Niederhasli ZH zu fahren, wo sich die Lastwagengarage befindet. So sollte es aussehen, als ob der Lastwagenchauffeur wieder zurückgefahren sei. «Ich hatte ein mulmiges Gefühl und hoffte, dass nichts Schlimmes passiert ist.» Als der Richter fragte: «Aber Sie wussten, wozu Ihr Mann fähig ist?», antwortete sie, dass dies zwei unterschiedliche Situationen gewesen seien.

In der Untersuchung hatte sie aber gesagt, dass es ihr zu diesem Zeitpunkt egal gewesen sei. Sie habe sich keine Gedanken gemacht. Sie gesteht auch, dass der Mann getötet hätte werden können. «Der Gedanke war nur kurz gekommen, aber ein Mord hat keinen Sinn gemacht.» Auf die Frage des Richters, ob der Komplize vom Mordplan gewusst habe, sagt sie: «Es ist schwierig zu sagen, aber er hat wohl gewisse Sachen gewusst.»

15:03 Uhr
Ehefrau am Tattag informiert

Nach der Mittagspause wird nun die Beteiligung der Frau am Mord am Lastwagenbesitzer besprochen. Sie habe erst an jenem Morgen erfahren, dass ihr Mann einen «Lastwagen klauen» wolle. Er habe gesagt, sie solle mitkommen, es gehe nicht lange, sie müsse nicht aussteigen. Sie habe die damals 3- und 4-jährigen Kinder in ihr Auto gesetzt, da es schnell gehen musste und sie so schnell keine Betreuung finden konnte. «Es war nicht der erste Lastwagendiebstahl gewesen, ich habe gedacht, es geht schnell wie damals.» Auf die Bemerkung des Richters, dass ihr Mann auch jemanden fesseln und töten könne, wie im Fall des ermordeten Serben, antwortete sie: «Das war anders, das war eine private Beziehung gewesen.»

Erst als der Lastwagen auf der Probefahrt auf dem Parkplatz in Härkingen SO anhielt, habe es ihr gedämmert, dass mit dem Lastwagenbesitzer etwas hätte passieren können. Sie war mit den Kindern mit ihrem Auto gefolgt. Sie habe den Chauffeur nie gesehen, und er sei nicht ausgestiegen. Auf die Frage des Richters, was sie sich dann überlegt habe, sagt die 29-Jährige nur: «Gar nichts.»

Um diesen Lastwagen ging es: Ein Ehepaar soll den Verkäufer umgebracht haben, damit sie den LKW weiterverkaufen können. 
Bild: PD

12:38 Uhr
Im Kinderzimmer ermordet?

Am nächsten Morgen erfuhr die Frau von ihrem Mann, dass der gefangen gehaltene Serbe tot sei. Von der qualvollen Erstickung des Opfers in der Wohnung habe sie nichts mitbekommen, obwohl sie die Nacht dort verbracht hatte. Laut der Staatsanwältin könnte der Mann sogar im Kinderzimmer getötet worden sein, wo er teilweise auch gefangen gehalten wurde. Die 3- und 4-jährigen Kinder waren zu diesem Zeitpunkt bei der Grossmutter. Der Tote liege im Anhänger vor dem Haus, habe der Mann zu ihr gesagt. Sie sei völlig geschockt gewesen, sagt sie unter Tränen. Fragen zum Tod habe sie ihrem Mann nicht gestellt, sie habe nicht zu viele Details wissen wollen. Ihr Mann habe gesagt, sie solle ihm beim Begraben helfen. Sie sei aber nur im Weg gestanden, und der Mann habe sie «zusammengeschissen».

Der Prozess wird über den Mittag bis um 14.15 unterbrochen. Dann wird die Frau zur eigentlichen Mordbeteiligung befragt.

11:51 Uhr
Nun wird Ehefrau befragt

Nach einer kurzen Pause wird die 29-jährige Ehefrau des Haupttäters befragt. Das Paar hat die Scheidung eingereicht, und sie hat einen neuen Lebenspartner. Die beiden Kinder leben bei ihrer Schwester, sie kann mit ihnen alle zwei Wochen während zehn Minuten telefonieren. Die Kinder hat sie zum letzten Mal im März 2018 gesehen. Das Verhältnis zur Schwester ist sehr angespannt, vor der Verhaftung war es gut gewesen. Die Kinder würden die Schwester und den Schwager «Mami und Papi» nennen, sagt die Beschuldigte unter Tränen.

In den letzten Jahren haben vor allem finanzielle Probleme die Ehe belastet. Sie war in der Transportfirma ihres Mannes in der Buchhaltung und im Büro tätig. Es erwuchs ein grosser Schuldenberg von mehreren Hunderttausend Franken, nachdem die Kinder auf die Welt kamen und das Paar den gleichen Lebensstandard pflegte wie als Doppelverdiener.

Nun wird sie zu den beiden Tötungsdelikten befragt: Zuerst zum getöteten Serben, der dem Ehepaar 50’000 Franken aus Drogengeschäften schuldete. Das Geld war für den Marihuanatransport von Serbien in die Schweiz investiert worden. Sie habe das Haus mit den Kindern verlassen, als die beiden Beschuldigten den Serben ins Haus in Utzigen gelockt hatten. Sie habe sich keine grossen Gedanken gemacht. Sie habe sich bei beruflichen Geschäften immer rausgehalten. Es sei sogar noch gut gewesen, da sie sich mit der damaligen Affäre treffen konnte, ohne zu lügen oder eine Ausrede zu suchen.

Als sie wieder zurückkam, wurde der Serbe von den beiden Männern bereits gefangen gehalten. Davon sei zuvor nie die Rede gewesen. Sie habe dem Ehemann Kabelbinder bringen müssen, habe aber den gefesselten Serben im Estrich nicht gesehen. Sie habe sich keine Gedanken darüber gemacht. «Waren Sie mit der Fesselung einverstanden?», fragt der Richter. Sie antwortet: «Ich habe nie gedacht, dass das so enden würde, sondern dass man es klären würde.» Ihr Mann sei nie gewalttätig gewesen. Aber Einwendungen gegen die Fesselung habe sie nicht gemacht.

10:57 Uhr
Höchstens mit Busse gerechnet

Der Richter will wissen, ob er nicht damit gerechnet habe, dass der Fall auffliege, weil er dem Lastwagenbesitzer seinen Führerausweis zeigen musste. Er habe lediglich mit einem «Tätsch auf die Finger» oder einer Busse gerechnet. Er habe die rechtliche Abgrenzung erst später kennen gelernt, will er dem Gericht weismachen. Er sei vom Haupttäter unter Druck gesetzt worden.

Er mache sich rückblickend Vorwürfe: «Wenn ich den Lastwagen verlassen hätte, würde der Besitzer vielleicht heute noch leben», sagt er unter Tränen. Vom Mord am Lastwagenbesitzer und vom Todeskampf habe er nichts mitbekommen, er sei rund hundert Kilometer vom Tatort entfernt bei sich zu Hause gewesen.

10:28 Uhr
Mit Handschellen gefesselt

Nun wird die Probefahrt besprochen. Dass die Ehefrau des Haupttäters mit einem separaten Wagen dem Lastwagen auf der Probefahrt folgte, habe er mitbekommen. Im Auto waren auch die beiden kleinen Kinder des Ehepaars dabei. Er habe nicht gewusst, warum die Frau dabei war, und habe auch beim Ehemann nicht nachgefragt. Rückblickend habe er viel zu wenig gefragt, sagt er.

Auf der Probefahrt fuhren sie auf einen Parkplatz in Bachenbülach, wo der Haupttäter eine Pistole zog und den Lastwagenbesitzer bedrohte. Er solle keine Mätzchen machen, sagte er zum Opfer und forderte seinen Komplizen auf, den Lastwagenbesitzer mit Handschellen zu fesseln. «Ich habe es gemacht, ich war ziemlich überfordert.» Es sei total gegen die Abmachung gewesen.

Dass der Berner Transportunternehmer beim getöteten Serben einige Wochen zuvor ähnlich vorgegangen sei, wie der Richter sagte, relativierte der Beschuldigte. «Beim Serben war die Tat geplant gewesen, nicht aber beim Lastwagenbesitzer.» Von der Tötung des Lastwagenfahrers habe er erst in Deutschland nach der Verhaftung erfahren.

Danach fuhr der Garagist den Lastwagen zu seiner Wohngemeinde in Solothurn. Das Ehepaar fuhr in zwei separaten Autos zu ihrem Haus in Utzigen, wobei der Mann das gefesselte Opfer in seinem Anhänger mitnahm und es später im Haus mit Klebeband erstickte.

09:40 Uhr
Habe nie mit Gewalt gerechnet

Der Beschuldigte sagt, dass seine Rolle beim Lastwagendiebstahl einzig die Überführung des Autos nach Deutschland und der Verkauf des Lastwagens gewesen sei. Dass die Ehefrau des Berner Haupttäters damals auch dabei war, habe er vorgängig nicht gewusst. Der Haupttäter habe vorgeschlagen, den Lastwagen per fiktiver Rechnung zu kaufen und dann mit dem Auto wegzufahren. So habe er das schon vorher in einem anderen Fall gemacht. Es sei Betrug gewesen, was nicht in Ordnung gewesen sei, aber er habe mitgemacht.

Die Ehefrau soll tatbeteiligt sein.
Bild: Zvg
Der Hauptbeschuldigte im Mordprozess.
Bild: Zvg

Gewalt, Raub und Fesselung seien kein Thema gewesen. Dass der Haupttäter eine Pistole mitgenommen hat, habe er nicht gewusst – dies im Gegensatz zum Berner Transportunternehmer, der schon vorher von einer Waffe und Gewaltanwendung gesprochen hat.

«Was dachten Sie auf der Probefahrt mit dem Lastwagenbesitzer, was nun passieren soll?», fragte der Richter. «Ich habe nie mit Gewalt gerechnet. Ich wäre nie mitgegangen, wenn ich gewusst hätte, dass jemand sterben soll.» Es seien ihm 10’000 Franken vom Haupttäter versprochen worden.

Dass er am Tattag Kampfhandschuhe, ein Messer und Kabelbinder gekauft und mitgenommen habe, relativiert der Garagist. Es seien gute Handschuhe für die Arbeit gewesen, das Messer habe ihm gefallen, darum habe er es gekauft. Die Kabelbinder habe er gekauft, um die Nummernschilder bei der Probefahrt am Lastwagen zu befestigen.

09:00 Uhr
Beginn der Verhandlung

Heute wird der Prozess im «Mordfall Boppelsen» vor dem Bezirksgericht Bülach fortgeführt. Zuerst wird der Komplize des Hauptbeschuldigten, ein 36-jähriger Solothurner Garagist, zum Tötungsdelikt befragt. Danach ist die Berner Ehefrau des Haupttäters an der Reihe. Auch sie ist wie der Garagist des Mordes angeklagt. Das Trio soll einen 36-jährigen Schweizer Lastwagenbesitzer aus Bülach getötet haben, um an dessen Lastwagen zu gelangen.

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